Lisa Slawitz
Shadow of the Colossus
21.01. - 20.02.2026
Shadow of the Colossus
21.01. - 20.02.2026
Maximilian Steinborn
Wer malt, lebt gefährlich. Das zumindest legen die meisten der populären Mythen über das Malen nahe: hier die Leinwand, dort das zu allem entschlossene malende Subjekt und dazwischen der zähe, kompromisslose Kampf mit dem Bild. So weit, so heroisch. So outdated?
Auf Heldenposen kann die Malerin Lisa Slawitz in ihrer Kunst für gewöhnlich gut verzichten. Ein existenzieller Akt ist das Malen für sie dennoch: „Ich selbst verstehe meinen Malprozess als Heraufbeschwören“, sagt sie. Was genau in diesem Prozess heraufbeschworen wird und wie sich dieses geheimnisvolle Etwas zum Malakt verhält, darüber gibt aktuell eine Installation von Slawitz im SINK Auskunft.
Shadow of the Colossus hat die Künstlerin ihre Arbeit genannt. Wer sich (wie Slawitz) in der Gaming-Welt auskennt, weiß womöglich, was es mit dem pompösen Titel auf sich hat. Shadow of the Colossus ist der Name eines legendären japanischen Videospiels von 2005. Die Spieler*innen schlüpfen darin in die Rolle des jugendlichen Helden Wander, der 16 Ungeheuer, die titelgebenden Kolosse, bezwingen muss, um die Frau seines Herzens vor dem Tod zu retten. Auf YouTube kann man sich Clips ansehen, die die Kolosse zeigen, kurz nachdem Wander ihnen den Todesstoß versetzt hat. Zu getragener Musik brechen sie einer nach dem anderen in sich zusammen.
Ganz so dramatisch geht es in Slawitz‘ Shadow of the Colossus nicht zu. Im Gegenteil. Sympathisch unprätentiös, fast provisorisch mutet das Set-up an. Zwei Elemente umfasst die Installation: ein senkrecht platziertes, mit schwarzem Stoff bespanntes Holzbrett und, etwa auf derselben Höhe, ein Print, der sich quer über den Boden und einen kleinen Teil der Wand des Ausstellungsbereichs erstreckt. Letzteres ist eine Reproduktion einer Malerei von Slawitz, die die Künstlerin zuletzt 2024 in einer Solo-Show im New Jörg präsentiert hat. Zu sehen ist ein Gesicht, das hinter einer Art Vorhang oder Tür hervorlugt, die Augen starr auf die Betrachter*innen gerichtet. Der Titel des Porträts: Ja, wer schaut da?
Slawitz hat die Farben des Bildes invertiert und es außerdem vertikal gestreckt, sodass es ein bisschen an den berühmten anamorphotisch verzerrten Totenschädel in Hohlbeins Die Gesandten (1533) erinnert. Ein düsteres Memento Mori, das die perspektivische Ordnung des Gemäldes durchkreuzt – Slawitz ist noch einen Schritt weitergegangen. Sie hat die Anamorphose in den physischen Raum verlängert. Fast sieht es so aus, als wollte das Porträt am Boden sich davon machen, als hätte es sein beschränktes, immobiles Dasein in der Zweidimensionalität satt. Eine gruselige Vorstellung: ein Bild, das sich vom Bildträger emanzipiert hat, um fortan als Gespenst sein Unwesen zu treiben, als körperloser, frei flottierender Schatten seiner Selbst. Wie fängt man ein solches Gespenst wieder ein?
Kolosse, Geister, Bilder, die sich verselbstständigen: Malen ist ein waghalsiges Unterfangen. Fast so waghalsig wie einen Riesen zum Kampf herauszufordern. Diese heroische Selbsterzählung der Malerei mag antiquiert, kitschig und vielleicht auch etwas albern sein. Totzukriegen ist sie nicht. So wenig wie die Malerei selbst. Slawitz weiß das – und sie feiert es.
In einer Mischung aus Faszination und Ironie wirft sie in Shadow of the Colossus einen Blick auf das „Drama“ des Malprozesses, des Ringens mit der Form, die einem über den Kopf – und über die Grenzen des Bildraums – zu wachsen droht. Das Ergebnis ist eine kleine, sympathisch verschrobene Allegorie auf das Bildermachen und die mal mehr, mal weniger glaubwürdigen Geister- und Heldengeschichten, die man sich darüber erzählt. Wer malt, lebt gefährlich? Durchaus. Ein triumphierendes „I was here“ hat Slawitz wie zur Bekräftigung dieses Gedankens in die Rückwand ihrer Installation geritzt.
Photos: Thomas Steineder